Traditionsklub im Abstiegskampf 

Vorletzter und hohe Schulden: Der tiefe Fall von Fenerbahce

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Kann es nicht mit ansehen: Roman Neustädter spielte früher für Mainz 05, Borus sia Mönchengladbach und Schalke 04 in der Bundesliga. Jetzt steht er bei Fenerbahce Istanbul unter Vertrag. Der türkische Traditionsklub ist Vorletzter. 

Kassel – 34 Jahre lang hieß der Meister in der ersten türkischen Fußball-Liga genau einmal nicht Fenerbahce, Besiktas oder Galatasaray. 2010 schaffte Bursaspor das eigentlich Unmögliche.

Überhaupt gibt es in der Geschichte der Süper Lig, die 1959 gegründet wurde, nur fünf unterschiedliche Titelträger. Neben den vier genannten noch Trabzonspor in den 1970er- und 1980er-Jahren. 2019 wird vielleicht noch eine sechste Mannschaft dazukommen. Die großen Drei in der Türkei haben Probleme. Galatasaray ist Fünfter, Besiktas Siebter. Und Fenerbahce steckt als Vorletzter mitten im Abstiegskampf, hat nur drei von 17 Spielen gewonnen.

Mecit Gökdere ist 53 Jahre alt und in Kassel aufgewachsen. Früher spielte er für Fortuna, Olympia und Bosporus. Sein Team ist Besiktas. Er beschäftigt sich intensiv mit dem türkischen Fußball. Als wir ihn erreichen, hat er gerade eine Sendung im türkischen TV verfolgt. Das Thema: Die türkische Liga will die Ausgaben der Vereine begrenzen. Konkret darf nicht mehr bezahlt als eingenommen werden. „Das hätten sie schon vor 20 Jahren machen sollen“, sagt Gökdere.

Vielleicht hätte der 19-malige Meister Fenerbahce aus dem Istanbuler Stadtteil Kadiköy auf der asiatischen Seite der Stadt dann nicht die Sorgen, die er heute hat. 1998 wurde Aziz Yildirim zum Präsidenten der Gelb-Dunkelblauen gewählt. In seiner Amtszeit gewann die Mannschaft sieben Meistertitel. In seiner Amtszeit holte Fener zweimal den Pokal. In seiner Amtszeit wurde der Klub wirtschaftlich ruiniert. Laut Experten soll sich der Schuldenberg auf über 600 Millionen Euro belaufen.

„Die finanzielle Not betrifft nicht nur Fenerbahce, sondern auch Galatasaray und Besiktas. Aber Fenerbahce am meisten“, sagt Gökdere. „Durch die Uefa-Richtlinien können die Teams nun nicht mehr so viel Geld ausgeben wie noch vor ein paar Jahren. Sie bekommen keine Stars mehr, müssen günstigere Spieler kaufen. Ansonsten werden sie für den internationalen Wettbewerb gesperrt“, erklärt der 53-Jährige.

Bei Fenerbahce hätten die Neuzugänge in dieser Saison nicht funktioniert. Zudem werde das TV-Geld in der Türkei jetzt gerechter auf alle Teams verteilt“, sagt der Kasseler. Die Folge: Die Kleineren haben bessere Chancen, die großen Drei kämpfen mit den Geistern ihrer Vergangenheit. Große Namen kamen nach Istanbul, selten am Höhepunkt ihres Schaffens. Und trotzdem waren die Gehaltsschecks üppig.

Gökdere weiß auch, dass Euro und türkische Lira eine Rolle spielen. „Die Spieler werden in Dollar oder Euro bezahlt. Der Euro hat an Wert gewonnen. Die instabile Währung lässt die Klubs in der Türkei leiden.“

Auch den Videobeweis gibt es in der Türkei. Und wo für Gökdere die großen Drei früher von Beginn an immer einen Vorteil bei den Schiedsrichtern gehabt haben, gehe es nun eben gerechter zu.

Und könnte Fenerbahce am Ende wirklich absteigen? „Sportlich? Klar.“, sagt Gökdere. „Aber der Klub hat in der Türkei 30 Millionen Anhänger. Die sind entscheidend für Einschaltquoten. Ich glaube, wenn Fenerbahce absteigt, wird die Liga auf 20 Teams aufgestockt, damit sie doch drinbleiben.“

An der Tabellenspitze thront derzeit Basaksehir. Bis zum Sommer 2014 war der Klub die Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung. Als junger Verein – 1990 gegründet und erst seit 2007 in der Süper Lig – hat Basaksehir nicht die finanziellen Probleme von Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas.

Mitte Dezember holte Fenerbahce mit Ersun Yanal den dritten Trainer in dieser Saison. Der 57-Jährige gewann 2014 die bisher letzte Meisterschaft mit dem Traditionsklub. Nun soll er ihn vor dem Abstieg bewahren. Ali Koc arbeitet als neuer Präsident gegen den finanziellen Ruin.

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