Kritik an Standorten für Messstationen

Immer noch viele Schadstoffe: So dreckig ist die Luft in Kassel wirklich

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Hier wird die Belastung erfasst: Die Messtation an der Fünffensterstraße. 

Die Stickoxidbelastung hat sich in Kassel kaum verbessert. Trotzdem wird es hier anders als in Frankfurt oder Darmstadt keine Dieselfahrverbote geben. Ein Jurist kritisiert die Messstandorte.

In Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden drohen Dieselfahrverbote, weil dort die Stickstoffdioxidgrenzwerte regelmäßig überschritten werden. In Kassel ist Vergleichbares vorerst nicht zu erwarten. Dennoch kann die Stadt nicht aufatmen.

Denn die Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid (NO2) bewegt sich seit Jahren um den Grenzwert und hat sich kaum verbessert. Unterdessen zweifelt ein Experte für Umweltrecht, der Anwalt Prof. Hans-Jürgen Müggenborg, die Aussagekraft der Luftmessungen an.

2017 wurde der NO2-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in Kassel erstmals leicht unterschritten. Die Messstation an der Rathauskreuzung hatte einen Jahresmittelwert von 38,9 Mikrogramm festgestellt – in den Vorjahren lag er bei 42 und 43 Mikrogramm. 2018 ist noch nicht ganz vorbei, aber anhand der bisherigen Messungen zeigt sich, dass der Jahresmittelwert zwischen 39 und 41 Mikrogramm liegen wird.

„Auch wenn wir unter dem Grenzwert landen, müssen wir weiter an der Verbesserung der Luftqualität arbeiten“, sagt Peter Wüstemann, Leiter der Abteilung Umweltschutz im Umwelt- und Gartenamt. Um dies zu erreichen, hat die Stadt dem Land Vorschläge unterbreitet. „Wir setzen im Luftreinehalteplan auf einen Ausbau des ÖPNV und eine stärkere Förderung des Rad- und Fußverkehrs“, sagt Wüstemann. Ziel sei es, mehr Autofahrer für alternative Verkehrsmittel zu gewinnen.

Der Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Eine Umweltzone, wie sie für die Region Kassel diskutiert wurde, sei aktuell nicht erwartbar. Für so einen Eingriff sei die Belastung nicht hoch genug. Deshalb seien derzeit auch keine Klagen der Umwelthilfe zu erwarten, wie es sie in Südhessen gab.

Der Aachener Fachanwalt Müggenborg, der auch Dozent an der Uni Kassel ist, hält die Schadstoffmessungen insgesamt für fraglich. Die Auswahl der Messstandorte sei intransparent und nicht repräsentativ. 

Hier erklären wir, warum Stickstoffoxide so gefährlich sind.

Zweifel an Luftmessungen

Mit seinen Äußerungen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erregte er viel Aufmerksamkeit: Prof. Hans-Jürgen Müggenborg hatte Zweifel an der Auswahl der Messstationen geäußert, deren Ergebnisse inzwischen in etlichen Städten auch über Fahrverbote entscheiden. Wir trafen Müggenborg, der auch Dozent an der Uni Kassel ist, um über seine Kritik zu sprechen.

„Es stellt sich die Frage, wie repräsentativ die Messungen der Stationen sind“, sagt Müggenborg. Zwar gebe es in der Luftqualitätsrichtlinie Vorgaben zur Auswahl der Standorte, allerdings seien diese eher schwammig formuliert. Wenn auf Basis der Messungen nun unter anderem Fahrverbote verhängt würden, sei es nur eine Frage der Zeit, bis jemand juristisch klären lasse, wie aussagekräftig die Werte sind. In einigen Städten werde ganz offensichtlich der vorgeschriebene Abstand von 25 Metern zu Kreuzungen nicht eingehalten – für Kassel gelte das zwar nicht, aber es gebe viele weitere Parameter, die zu überprüfen seien. Etwa ob die Anlagen regelmäßig gewartet und geeicht werden.

Die beiden Kasseler Luftmessstationen werden – wie alle in Hessen – vom Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) betrieben. Es hat auch über die Auswahl der Standorte entschieden. In Kassel werden die maßgeblichen Messungen seit 1999 von der Station an der Fünffensterstraße, nahe der Rathauskreuzung, übernommen. Damals wurden EU-weit erste Grenzwerte eingeführt, die aber erst ab 2005 (Feinstaub) beziehungsweise 2010 (Kohlenstoffdioxid) rechtlich bindend wurden. Die zweite Luftmessstation in Kassel steht auf dem Parkplatz hinter der Komödie.

Aber warum wurden diese beiden Standorte ausgewählt? Denn schließlich ist der eine offensichtlich stark verkehrsbelastet, während an dem anderen kaum Autos vorbeikommen. Antworten liefert Prof. Stefan Jacobi vom Fachgebiet Luftreinhaltung beim HLNUG: „Laut der Luftqualitätsrichtlinie sollen wir an Orten höchster Schadstoffbelastung messen, an denen zugleich viele Menschen unterwegs sind.“ Die Idee dahinter: Wenn die Luftqualität an diesen Stellen die Grenzwerte einhält, dann kann davon ausgegangen werden, dass es im gesamten Stadtgebiet der Fall ist.

Darüber hinaus soll eine so genannte Sockelbelastung ermittelt werden, die die allgemeine Luftsituation abbildet. Denn jede Stadt ist einem Mix an Belastungsquellen ausgesetzt: Verkehr, Industrie und nicht zuletzt der Ausstoß aus den Kaminen der Haushalte. „Diese Sockelbelastung ermitteln wir hinter der Komödie“, sagt Prof. Jacobi.

Der Mitarbeiter des HLNUG gibt aber zu, dass es bei der Auswahl der Messstandorte natürlich einen Ermessensspielraum gebe. „Der ultimative Punkt, der allen Ansprüchen genügt, ist kaum zu finden“, sagt Jacobi. Im Zentrum stehe für ihn aber der Gesundheitsschutz und in diesem Sinne wähle seine Behörde nach bestem Wissen und Gewissen die Standorte aus.

Anders als beim Stickstoffdioxid bewegt sich die Feinstaubbelastung der Kasseler Luft inzwischen deutlich unter dem Grenzwert, der ebenfalls bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegt. 2017 lag der Jahresmittelwert für Feinstaub an der Fünffensterstraße bei 25 Mikrogramm. Im Vorjahr waren es 24 Mikrogramm. In früheren Jahren lag die Feinstaubbelastung deutlich höher.

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