Arno Schmelz hat Geschäft in der Nordstadt geschlossen - wie so viele andere

Nach mehr als 135 Jahren: Aus für Kassels älteste Metzgerei

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Er hat Ende Oktober den Familienbetrieb in der Nordstadt geschlossen: Fleischermeister Arno Schmelz. Das ist ihm schwergefallen. Allerdings freut er sich, dass er jetzt viel Zeit für seinen Enkel Toni hat.

Das Fleischerhandwerk hat nicht nur in Stadt und Kreis Kassel große Nachwuchssorgen. Der Trend, dass Familienbetriebe schließen, hält an. In fünf Jahren haben hier 40 Fleischereien ihr Geschäft aufgegeben.

Aktualisiert am 6. November, 15 Uhr: Auch im Rotenburg muss ein Tradiitionsbetrieb dichtmachen: Dort schließt die Fleischerei Müller in Lispenhausen nach 63 Jahren. 

Metzgerei-Kunden können es nicht fassen

Das Telefon in der Metzgerei von Arno Schmelz steht in diesen Tagen nicht still. Immer wieder rufen Kunden an, die es nicht fassen können, dass Kassels älteste Metzgerei, die 1881 eröffnet wurde, Ende Oktober geschlossen hat.

Ihm sei dieser Schritt nicht leicht gefallen, sagt der 61-jährige Fleischermeister, der 1991 das Geschäft von seinen Eltern Elvira und Walter an der Fiedlerstraße in der Nordstadt übernommen hat. 45 Jahre hat Schmelz als Metzger gearbeitet. Dass er den Laden jetzt dichtmacht, habe vielerlei Gründe, darunter auch gesundheitliche Probleme.

Seit drei Jahren habe sein Geschäft keine schwarzen Zahlen mehr geschrieben, sagt Schmelz. „Ich habe jetzt die Reißleine gezogen. Ich habe nämlich kaum noch geschlafen, weil wir die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Viele denken, wir würden im Geld schwimmen, aber das stimmt leider nicht.“ 

Hohe Betriebskosten, hohe Investitionskosten wegen EU-Vorschriften hätten ihm zu schaffen gemacht. Schmelz gehörte das Mehrfamilienhaus an der Fiedlerstraße, in der sich auch die Metzgerei befand. Das habe er jetzt verkauft.

Metzger: Fleisch wird mehr beim Discounter gekauft

Zwei Großbaustellen vor der Tür in den vergangenen Jahren hätten sicher zu den schlechten Umsatzzahlen beigetragen. Zudem habe sich das Kauf- und Essverhalten geändert. „Weihnachten und Ostern sind die Leute noch zu uns gekommen, den Rest des Jahres nicht“. Viele Menschen gingen wegen der „Geiz-ist-Geil-Mentalität“ lieber zum Discounter, um Fleisch zu kaufen. Hinzu komme eine Besonderheit in der Nordstadt: Studenten würden in der Mensa essen und die vielen Bewohner mit Migrationshintergrund kauften nur bei ihren Landsleuten.

Von den 400 belegten Brötchen, die er täglich verkauft habe, könne man nicht leben.

Zudem sei es immer schwerer geworden, Personal zu finden. Seine Frau Silvia habe samstags oft allein in dem Laden gestanden, weil niemand arbeiten wollte. Er habe ein Gespräch bei der Handwerkskammer geführt, sagt Schmelz. Dort habe man ihm gesagt, dass in den vergangenen fünf Jahren 40 Fleischereien in Stadt und Landkreis geschlossen haben. Schmelz sieht in dem Beruf keine Zukunft mehr.

Suchen händeringend nach einem Nachfolger: Fleischermeister Georg Waßmuth und seine Frau Hannelore schließen Ende des Jahres ihre beiden Läden in Ober- und Niederzwehren.

Metzgerei an Frankfurter Straße

Auch Hannelore und Georg Waßmuth haben händeringend einen Nachfolger für ihre Metzgereien an der Altenbaunaer Straße (Oberzwehren) und an der Frankfurter Straße (Niederzwehren) gesucht. Bislang ohne Erfolg. Beide Standorte werden Ende des Jahres geschlossen. „Das fällt uns schwer, aber es geht kein Weg daran vorbei“, sagt die 64-jährige Hannelore Waßmuth. „Krankheitsbedingt und altersbedingt können wir nicht weitermachen.“

Das Geschäft gab es seit 1929 in Oberzwehren, Fleischermeister Georg Waßmuth hat es in dritter Generation geführt. Einen Trost hat Hannelore Waßmuth. Die Mitarbeiter werden wohl ohne Probleme etwas Neues finden. Die Kollegen seien immer froh, wenn es wieder Fachpersonal auf dem Markt gebe.

Metzger haben Nachwuchssorgen

Gab es vor einem Jahr noch in der Stadt und im Landkreis Kassel 18 Metzgereien, so ist die Zahl mittlerweile weiter gesunken. Nach der Schließung des Geschäfts von Arno Schmelz in der Nordstadt und der bevorstehenden Schließung der beiden Wachsmuth-Filialen in Ober- und Niederzwehren wird es nur noch 14 Betriebe geben, sagt Dirk Nutschan, Obermeister der Fleischer-Innung. „Die Branche hat Nachwuchssorgen. Keiner will mehr Metzger lernen.“ Nutschan geht von weiteren Schließungen aus. „Wenn es in fünf Jahren noch neun Metzgereien gibt, dann ist das viel.

Im Dezember 2017 schloss die Metzgerei Löffler in der Innenstadt, die im Jahr 1936 eröffnet worden war. Im September 2017 machte außerdem Rohde dicht - nach über 40 Jahren. Ihre viel gepriesene Ahle Wurscht gibt es aber weiterhin im Online-Handel und in regionalen Geschäften. Insgesamt schließen seit Jahren immer mehr Metzgereien in Stadt und Kreis Kassel.

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