Vom Schreiner zum Bestatter

"Der Tod macht mir keine Angst" - So wurde ein Kasseler Schreiner zum Bestatter

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Mit den Toten leben: Jürgen Dahlfeld arbeitet als Bestatter. Er begleitet trauernde Menschen. In seinen Räumen an der Brandaustraße stellt der gelernte Schreiner auch Särge aus. Das „Schiffchen“, das er hier auf dem Arm hält, ist ein Sarg für totgeborene Kinder.

Abschied nehmen. Für Jürgen Dahlfeld ist der Tod zum Lebensthema geworden.

Drei Frühgeburten hat seine Frau erlitten, dreimal hat er um sein Kind getrauert. Beinahe hätte er auch ein weiteres Kind verloren, als es bei der Geburt Probleme gab. Leben und Sterben – damit hat sich der 56-Jährige intensiv auseinandergesetzt. Seit sieben Jahren begegnet er dem Tod tagtäglich.

An seinem 49. Geburtstag hatte Jürgen Dahlfeld entschieden, sich als Bestatter selbstständig zu machen. Der Schritt schien mutig und doch folgerichtig. Denn als Schreiner hatte der gebürtige Franke bereits Särge gefertigt. Das war auch der Nähe zum Heilhaus geschuldet, dem die Schreinerei auf dem Gelände in Rothenditmold angegliedert ist. Hier hatte Dahlfeld bis zum Schritt in die Selbstständigkeit gearbeitet. Menschlichkeit, Herzlichkeit, Begleitung – die Schlagworte der Heilhaus-Stiftung um Gründerin Ursa Paul haben ihn geprägt.

An den ersten Auftrag erinnert sich Dahlfeld noch genau: Eine Mutter, die ihren 19-jährigen Sohn verloren hatte, bat ihn um einen Sarg, der nicht so aussehen sollte wie jene von der Stange. „Man wächst an der Herausforderung, sagt Dahlfeld. Und die wurden größer, je kleiner das Ergebnis ausfiel: Särge für Kinder, Babys und totgeborene Jungen und Mädchen hat der Schreiner gefertigt. Schlicht sind sie. „Sie sollen nicht überdecken, worum es geht“, sagt er. Die kleinsten Anfertigungen haben die Form eines Schiffchens. Man kann sie in den Arm nehmen – fast so, wie man ein Neugeborenes an sich drücken würde.

Jürgen Dahlfelds Holz-Arbeiten sind anders. Das gilt auch für seine Arbeitsauffassung als Bestatter. „Ich biete keinen anderen Abschied, ich habe eine andere Haltung“, sagt der dreifache Vater zurückhaltend. Genau diese Zurückhaltung, die sich auch in seinen Arbeiten widerspiegelt, ist es, die seinen Umgang mit Trauernden beschreibt. Den Angehörigen bietet er Raum und Zeit. Er macht Haus- und Heimbesuche mit dem Rad oder lädt zum Gespräch in seine Räume an der Brandaustraße ein. Unweit der Schreinerei hat er auf dem Heilhaus-Gelände ein Domizil für sein Bestattungsunternehmen gefunden. Dort sind seine eigenen Arbeiten ausgestellt; die meisten Särge aber bezieht er heute aus einer Sargfabrik aus dem Sauerland.

Jürgen Dahlfeld will trauernde Menschen begleiten, ihnen Mut machen.

„Wir haben gelernt, viel für unsere Abwehrkräfte zu tun, sie zu stärken. Im Geschehen von Sterben, Tod und Abschied benötigen wir aber Annahmekräfte“, sagt der 56-Jährige. Er ermutigt Trauernde, selbst zu entscheiden: Mal hat er einer jungen Frau den Schlüssel seines violett getünchten Trauerraums in die Hand gedrückt, damit sie in Ruhe am aufgebahrten Sarg ihres Vaters Abschied nehmen konnte. Ein anderes Mal hat er einen trauernden Mann, der nicht wusste, wie er die Zeit bis zur Bestattung verbringen sollte, kurzerhand mit in seine eigene Arbeit eingebunden.

Wie aber hält er es aus, Tag für Tag mit Trauer konfrontiert zu werden? „Ich habe das Glück, dass mir der Tod keine Angst macht“, sagt Dahlfeld. Unsere Gesellschaft etikettiere den Tod als etwas Furchtbares. „Dabei hat er auch etwas Heiliges, Berührendes“. Er berge die Chance, Familien zusammenzubringen und Dinge an- und auszusprechen. Und der, der Abschied nimmt, könne sich noch einmal den Zurückbleibenden zuwenden.

All das drückt sich auch in dem Namen aus, den sein kleines Bestattungsunternehmen trägt: „Das Zeitliche segnen“. Jürgen Dahlfeld fasst es so zusammen: „Etwas ist zu Ende, aber es hört nicht alles auf.

Service: Unter dem Titel „Kinder trauern anders“ bietet Jürgen Dahlfeld mit Beate Burmester und Hendrik Licht regelmäßige Treffen für Kinder- und Jugendliche an. 

Kontakt: kontakt@kinder-trauern-anders.de

Aus dem Video-Archiv: Blick in das Kasseler Krematorium

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